Fliegende Finger, begeistertes Publikum und stehender Applaus

Michael Schütz begeistert bei den Harener Orgeltagen mit Musik von ABBA bis Hollywood“

Wie schnell sich Finger über drei Manuale bewegen können, war beim dritten Konzert der Harener Orgeltage am Sonntag, den 12.07.2026 im Emslanddom St. Martinus eindrucksvoll zu erleben. Dank einer Live-Videoübertragung auf eine große Leinwand konnten die rund 150 Besucher in der St.-Martinus-Kirche das Spiel von Michael Schütz nicht nur hören, sondern auch aus nächster Nähe verfolgen. Die Kamera machte selbst kleinste Bewegungen sichtbar und ließ das Publikum die technische Präzision und Musikalität des Organisten unmittelbar miterleben.

Unter dem Motto „Thank You for the Music – Musik von ABBA bis Hollywood“ bewies Michael Schütz eindrucksvoll, dass die Orgel weit mehr ist als ein Instrument für die klassische Kirchenmusik. Als studierter Organist mit Masterabschluss, Komponist und Arrangeur versteht es Michael Schütz seit vielen Jahren, Popmusik, Rockklassiker und Filmmusik so für die Orgel zu bearbeiten, dass der Charakter der Originale erhalten bleibt und gleichzeitig die außergewöhnliche Klangvielfalt des Instruments voll ausgeschöpft wird.

Bereits das Eröffnungsstück „Thank You for the Music“ von ABBA machte deutlich, warum Schütz seit vielen Jahren ein gefragter Konzertorganist ist. Mit einer zunächst sehr ruhigen und einfühlsamen Registrierung ließ er die bekannte Melodie beinahe schwebend erklingen. Nach und nach verdichtete sich der Klang, bis sich das Hauptthema in voller Pracht entfaltete und in einem strahlenden Schlussakkord seinen Höhepunkt fand.

Mit den folgenden ABBA-Hits „SOS“ und „Dancing Queen“ setzte sich die musikalische Reise fort. Die geschmackvollen Arrangements sorgten bereits hier für ersten spontanen Zwischenapplaus.

Dann wechselte die Stimmung schlagartig. Mit „Smoke on the Water“ von Deep Purple wurden sprichwörtlich die Samthandschuhe ausgezogen. Kraftvolle Register und markante Rhythmen ließen den berühmten Gitarrenriff eindrucksvoll auf der Orgel erklingen. Besonders bemerkenswert war, wie überzeugend Schütz den charakteristischen E-Gitarrenpart auf das Instrument übertrug. Man hatte beinahe den Eindruck, als stünde eine Rockband auf der Empore – im Kirchenschiff war förmlich zu spüren, wie das Publikum innerlich mit rockte.

Anschließend entführte der Berliner Organist die Zuhörer in die Welt von Freddie Mercury und der legendären Rockband Queen. Mit „Bohemian Rhapsody“, „We Are the Champions“ und „Don't Stop Me Now“ erklangen drei bekannte Titel der Rockgeschichte in beeindruckenden Orgelbearbeitungen. Besonders „We Are the Champions“ beeindruckte durch das ausdrucksstarke Pedalspiel, das die Melodie wirkungsvoll hervorhob und dem Stück zusätzliche Tiefe verlieh.

Mit „Hey Jude“ von Lennon–McCartney und „Imagine“ von John Lennon zeigte Michael Schütz anschließend eine andere Seite seines Könnens. Beide Welthits erhielten durch fein abgestimmte Registrierungen und geschmackvolle Arrangements eine warme, fast orchestrale Klangfarbe, die ihren lyrischen Charakter eindrucksvoll unterstrich.

Danach folgte im Programm das Lied „Russians“.  Sting veröffentlichte Russians 1985 auf dem Album The Dream of the Blue Turtles. Das Lied entstand während des Kalten Krieges, als die Angst vor einem Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion sehr groß war. Die Melodie basiert teilweise auf der „Romanze“ aus der Lieutenant-Kijé-Suite von Sergei Prokofjew. Die zentrale Aussage des Liedes lautet: „I hope the Russians love their children too.“
(„Ich hoffe, dass auch die Russen ihre Kinder lieben.“). Damit macht Sting deutlich, dass Eltern überall auf der Welt ihre Kinder schützen wollen. Diese gemeinsame Menschlichkeit sollte wichtiger sein als politische Gegensätze.

In der Bearbeitung für Orgel erwies sich das Stück als gelungen. Das Arrangement nutzte die klanglichen Möglichkeiten des Instruments und übertrug die dichte Atmosphäre des Originals überzeugend auf die Orgel. Schütz spielte das Werk in einem langsamen Tempo und brachte dessen ruhigen und feierlichen Charakter dadurch eindrucksvoll zur Geltung. Mit einer sensiblen Registrierung ließ er die weit gespannten Melodiebögen warm und klangvoll erklingen, während die harmonischen Klangflächen dem Stück eine besondere Tiefe verliehen. So entstand eine eindrucksvolle Interpretation, die den nachdenklichen und friedensmahnenden Charakter von Russians wirkungsvoll unterstrich.

Auch die Filmmusik durfte an diesem Abend nicht fehlen. Das „Main Theme“ aus Goldfinger, „Hedwig's Theme“, dann die Titelmusik aus Game of Thrones und „He's a Pirate“ aus Pirates of the Caribbean ließen die Orgel immer wieder wie ein großes Sinfonieorchester klingen. Jeder Titel erhielt seine eigene musikalische Handschrift – geheimnisvoll, majestätisch oder dramatisch. Gerade bei „Hedwig's Theme“ wurde die außergewöhnliche Virtuosität des Organisten besonders deutlich. Die geheimnisvolle Titelmelodie ließ Schütz auf dem Hauptwerk erklingen und umspielte sie mit rasanten Figuren auf dem Schwellwerk sowie im ständigen Wechsel auf dem Rückpositiv. Dank der Live-Übertragung auf die Leinwand konnten die Konzertbesucher verfolgen, wie seine Finger förmlich über die Manuale flogen. Das Zusammenspiel der verschiedenen Werke der Orgel wirkte faszinierend und verlieh dem Stück eine beinahe magische Atmosphäre. Auch das präzise Pedalspiel fügte sich nahtlos in das virtuose Gesamtbild ein.

Den Schlusspunkt setzte „Music Was My First Love“ von John Miles. Zunächst erklang das Werk in einer leichten, transparenten Registrierung, ehe sich das Arrangement immer weiter steigerte. Gewaltige Akkorde, eine eindrucksvolle Klangfülle und eine machtvolle Schlusskadenz erfüllten schließlich den Kirchenraum und sorgten für einen überwältigenden Abschluss.

Immer wieder belohnte das Publikum den Künstler mit spontanem Zwischenapplaus. Am Ende dankten die Konzertbesucher Michael Schütz mit lang anhaltendem, begeistertem Beifall für einen Konzertabend, der eindrucksvoll bewies, dass eine Orgel ebenso gefühlvoll, rockig und orchestral klingen kann wie kaum ein anderes Instrument. Das dritte Konzert der Harener Orgeltage wurde damit zu einem musikalischen Erlebnis, das den Zuhörern noch lange in Erinnerung bleiben dürfte.

Harald Steinborn